Aktion Demenz



Dreiteilige Vortragsreihe "Menschen mit Demenz"

Referent: DGKP Christian Koch









1. Teil der Vortragsreihe Menschen mit Demenz
Referent: DGKP Christian Koch


Die Schweregrade einer Demenz einfach erklärt.
Die schmerzhaftesten Szenarien für pflegende Angehörige.
 


Allgemeines zum Thema Demenz

Demenz (lateinisch) bedeutet ab vom Geist / ohne Geist / weg vom Geist

Früher wäre den Menschen viel erspart geblieben, wenn man mehr über die Demenz Bescheid gewusst hätte.

Demenz ist nicht heilbar! Das Fortschreiten ist nicht aufzuhalten bzw. zu stoppen! Aber man kann trotzdem Einiges tun!


Demente Menschen wissen nicht mehr, dass sie etwas vergessen haben!
Kognitiv fitte Menschen wissen um ihr Vergessen!

Das Geistige geht verloren - aber das Gefühl wird nicht dement!
 


Was versteht die Gesellschaft unter einer Demenz?

Warum hat die Gesellschaft, "die kognitiv Fitten", solch eine Angst vor Demenz?

Demenz ist eine Provokation in unserer Gesellschaft!


Man kann sich dem Thema Demenz stellen oder es ausblenden (vor Angst).

Kulturell gesehen ist Demenz ein Todesthema!
Vielleicht spricht man darum nicht gerne darüber, oder macht lieber Witze darüber!?



Das Thema Demenz ist in der Gesellschaft sehr negativ behaftet!


Es ist ein schleichender Verlust der Denkfunktionen!



Was versteht die Gesellschaft unter einer Demenz?

Verlust von sich selbst
Unendliche Beerdigung
Innere Person geht verloren
Dieb von Jahrzehnten
Verblödung
Verkalkt

Lebendiger Tod
Zweite Kindheit
Sozialer Tod
Gehirnräuber
Närrsch, spinnt
 


Für die Gesellschaft ist das Alter mit Gebrechlichkeit und Kosten verbunden und hat keine (bzw. eine geringe) Wertigkeit!


Wann spricht man von einer Demenz?

wenn die chronische Verwirrtheit länger als 6 Monate anhält.

Akute Verwirrtheit (Delir) z.B.: bei Flüssigkeitsmangel, Tumor, Schilddrüsendysfunktion, Diabetes mellitus …

Betroffen sind:
Kurzzeitgedächtnis (KZG), Denkvermögen, Sprache, Persönlichkeitsstruktur (nur bei geringen Formen), Motorik


Typische Folgen können sein:
ständiges Umherlaufen, Fragen, Rufen, Wahnvorstellungen, Angst, Aggressionen …


z.B.: Ehemann sagt zur gleich alten Gattin: "Was willst du hier? Wer bist Du? Meine Frau? Nein, du bist nicht meine Frau! Ich habe doch nicht so eine alte Frau!"

Wann spricht man von einer Demenz?

Demente Menschen handeln nicht vorsätzlich (z'fließ)!

"Alles im Leben eines Menschen mit Demenz hat einen Sinn, auch wenn wir ihn jetzt nicht verstehen." (Erich Schützendorf)

Demenz ist …
"Wenn sich jemand die Brille mit der Wurst putz, und die Menschen rundherum staunen, was da passiert." (Erich Schützendorf)


Auswirkungen einer Demenz

Menschen mit Demenz …

  verlieren ihre Eigeninitiative
vernachlässigen ihre früheren Hobbies
vernachlässigen ihre Körperpflege
vernachlässigen das Aufräumen ihrer Wohnung


Schließlich sind sie nicht mehr in der Lage …

  sich ausreichend zu ernähren
haben keinen Antrieb zum Essen
verlieren das Hungergefühl
vergessen Nahrung zu kauen
vergessen Nahrung zu schlucken




Die Schweregrade einer Demenz einfach erklärt.

Grobe Einteilung der Schweregrade

Oft benötigen wir die Augen von Kindern um die Welt der Demenz zu verstehen!


leichte Demenz
kognitive Leistungsfähigkeit eines …
ca. 15-jährigen
(kann man auch mal länger alleine lassen)
 


mittlere Demenz
kognitive Leistungsfähigkeit eines …
ca. 5-jährigen
(kann man auch mal kurz alleine lassen)
 


schwere Demenz
kognitive Leistungsfähigkeit eines …
ca. 1 - 2-jährigen
(benötigt fast durchgehend Aufsicht und Betreuung)
 



Sozialzentrum Satteins
2012
DGKP Christian Koch



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2. Teil der Vortragsreihe Menschen mit Demenz
Referent: DGKP Christian Koch


Wie verhalte ich mich gegenüber Menschen mit Demenz?
Tipps - Umgang - Begegnung - Kommunikation
 


Allgemeines zum Thema Demenz

Demenz (lateinisch) bedeutet ab vom Geist / ohne Geist / weg vom Geist

Früher wäre den Menschen viel erspart geblieben, wenn man mehr über die Demenz Bescheid gewusst hätte.

Demenz ist nicht heilbar! Das Fortschreiten ist nicht aufzuhalten bzw. zu stoppen! Aber man kann trotzdem Einiges tun!


Demente Menschen wissen nicht mehr, dass sie etwas vergessen haben!
Kognitiv fitte Menschen wissen um ihr Vergessen!

Das Geistige geht verloren - aber das Gefühl wird nicht dement!
 


Formen der Desorientiertheit

Menschen mit Demenz sind …

 
zeitlich
(Ich bin in einer anderen Zeit.)
 
 
örtlich
(Ich weiß nicht wo ich bin.)
 
 
situativ
(Was machen Sie hier überhaupt?)
 
 
zur Person
(Ich weiß nicht mehr wer ich bin.)
 


⇒ … desorientiert!

Je stärker der geistige Abbau stattgefunden hat,
desto mehr Dimensionen der Desorientiertheit sind betroffen!
 


Was ist Validation

Validation ist eine Kommunikationsmethode zum Verständnis sehr alter und desorientierter Menschen.

Sie hilft, desorientiertes Verhalten hochbetagter Menschen zu verstehen und einen Zugang in ihre innere Erlebniswelt zu finden.

Validation heißt so viel wie "Wertschätzen", "Ernst nehmen", "Akzeptieren".

Es bedeutet, die Gefühle hochbetagter Menschen anzuerkennen ohne sie zu beurteilen oder ihr Verhalten korrigieren zu wollen.


Das Gefühl oder Verhalten des dementen Menschen soll man:

annehmen   +   zulassen   +   akzeptieren   +   bestätigen          =         VALIDIEREN


und soll man NICHT:

sanktionieren (gutheißen, beipflichten)

mit der "Wahrheit" konfrontieren

verbessern

so tun, als würde man es glauben

lügen

bevormunden (belehren)

Beschwichtigen (besänftigen, beruhigen)


Dies zu beachten ist nicht immer leicht!!!

Aus der Geragogik:
Alte Menschen kann und darf man nicht erziehen!!!


Umgang

Geduld

Demente benötigen viel Zeit
für alle Reaktionen und Handlungen!

 


Begegnung + Kommunikation mit dementen Menschen

Grundsätzlich soll jede Begegnung wertschätzend sein. Jeder Mensch ist wichtig, auch der "verwirrte" Mensch.

Alte Menschen haben einen eingeschränkten Blickwinkel, deshalb muss man sich immer zeigen und mit ihnen Blickkontakt aufnehmen.

Immer auf gleiche Höhe begeben, um ganz auf sie eingehen zu können.

Menschen mit fortgeschrittener Demenz können sich immer nur auf einen Gegenstand oder eine Person zur gleichen Zeit konzentrieren.

Fragen immer nur mit wie, wer, wo, wann stellen. Warum und Wieso nicht fragen!

Lobend wertschätzen.

Am Leben teilnehmen lassen, kleine Arbeiten.

Sprechen Sie mit klarer, tiefer, warmer, liebevoller Stimme.


Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenz


  • Einfache Regeln und feste Gewohnheiten (Rituale) sind für alle älteren Menschen sehr hilfreich - ganz besonders jedoch für Menschen mit Demenz. Sie benötigen eine gute Struktur, diese gibt ihnen Sicherheit!

  • Der Leistungsmaßstab, der für Gesunde gilt, kann bei Dementen nicht angewendet werden.

  • Loben bringt mehr als Kritisieren. Das kann man auch bei richtigem Reagieren des Dementen durch Worte, Berührung oder Lächeln ausdrücken.

  • Menschen mit Demenz brauchen geistige Anregungen, die sie nicht überfordern, und ganz besonders brauchen sie Gesprächspartner.

  • Begleiterkrankungen müssen rechtzeitig erkannt und behandelt werden - auch eine Aufgabe der Pflege und Betreuung und des behandelnden Arztes.

  • Ganz wichtig für ältere Menschen sind ausreichende Ernährung und Flüssigkeitszufuhr, sowie regelmäßige Bewegung.

  • Vorarlberger Engstirnigkeit: Nichts gesagt ist auch gelobt, das ist Schwachsinn!

  • Sprichwörter und Redensarten werden oft besser verstanden als abstrakte Redewendungen.


Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenz

Demente sprechen oft in Symbolen - "Ihr lasst mich verhungern!"

Hunger:

Stehlen:

steht für Wertschätzung, Anerkennung, Liebe

steht für, sie wissen nicht mehr wo sie bestimmte Dinge hingelegt haben!



Völliger Ich-Identitäts-Verlust:
Kennen sich selbst nicht mehr im Spiegel.

Es ist möglich, dass hochbetagte Menschen nur jedes 3. Wort verstehen!

Wichtig: 1 Wort Sätze!

Menschen mit starker Demenz sind mitunter nur mit wenigen Worten zu erreichen!

Entscheidungsfragen die mit Ja / Nein zu beantworten sind!
Nicht: Willst du das … mit dem …, oder das?



Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenz

Was könnte dahinter stehen?

"Mir ist so schwindlig"
⇒ Sie merken, dass sich was verändert!
:::
"Mein Bein funktioniert nicht mehr richtig"
⇒ Ich habe keinen Halt mehr!
:::
"Ich sehe überhaupt nichts mehr."
⇒ Ich erkenne nichts mehr!
 



Sozialzentrum Satteins
2012
DGKP Christian Koch



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3. Teil der Vortragsreihe Menschen mit Demenz
Referent: DGKP Christian Koch


Menschen mit Demenz:

… Beschäftigungsangebote

… Bedürfnisse

Demenz = ohne Geist, ab vom Weg


Im
Frühstadium stehen Menschen mit Demenz unter enormem Druck. Jede Art der Veränderung, besonders aber körperliche und seelische Verluste, wird als sehr bedrohlich erlebt und löst Stress aus. Diese Menschen fühlen sich durch diese Veränderungen bedroht und versuchen dies vor sich selbst und anderen Personen zu verstecken. Sie sind überfordert, wenn sie erklären müssen, was sie nicht erklären können, und wirken deshalb in ihrer Reaktion auf uns manchmal angriffslustig oder streitsüchtig, verletzend oder beleidigend. Im späteren Verlauf, verlieren sie das Zeitgefühl. Jahreszeit und Tageszeit können nicht mehr wahrgenommen werden. Sie werden orientierungslos, können Situationen nicht mehr einschätzen und verlieren das Gefühl der "Ich - Identität".

Beschäftigungsangebote


Menschen mit Demenz im Alltag integrieren

  • gewohnte Tätigkeiten herausfinden / anbieten

  • Garten- oder Hausarbeit

  • singen, tanzen, lachen

  • gemeinsam kochen, essen, backen, trinken

  • malen

  • Bilder von früher anschauen & plaudern

  • Spiele (Jassen, Mensch ärgere Dich nicht …)

  • Spaziergänge mit der Familie
⇒ Alles ohne Leistungsdruck!!!


Menschen mit Demenz im Alltag integrieren

Beispiele für kleine hauswirtschaftliche Tätigkeiten:
  • gemeinsam kochen, Kartoffeln schälen, Gemüse schneiden, Obst schneiden, Rezepte erfragen …

  • Tisch decken, Tisch abräumen, Tisch putzen, Geschirr vorspülen oder abwaschen …

  • Bett machen, bügeln, Wäsche zusammenlegen

  • Wolle aufrollen, stricken, Näharbeiten …

  • staubsaugen, kehren, wischen

  • Rasen mähen, Holz arbeiten, Schrauben sortieren …

  • Werkzeugkiste einräumen lassen …

Beschäftigung und deren Wirkung
  • Alltagsgegenstände als Erinnerungshilfe und Beschäftigung

  • basteln / kochen bedeutet etwas schaffen - befriedigt sein

  • Stichwortsammlungen helfen, Gespräche in Gang zu bringen

  • Gemeinsames Singen und Musizieren löst Ängste und Spannungen

  • Gedichte aufsagen, Sprichwörter erkennen, das schafft kleine Erfolgserlebnisse

  • fühlen, riechen, schmecken - mit den Sinnen Erinnerungen wecken

  • Brett- und Kartenspiele erzeugen Zusammengehörigkeitsgefühl

  • Puppen und Teddybären wirken beruhigend und entspannend


Patentrezept
"Man nehme …"
… gibt es NICHT!
Lebensgeschichte beachten
und vieles ausprobieren!
 



Bedürfnisse

Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Menschen mit Demenz …

          … wollen sich
sicher und geborgen fühlen.
          … wollen
produktiv sein + wollen gebraucht werden.
          … wollen
spontane Gefühle ausdrücken.
          … benötigen
Status und Prestige (Ansehen, Anerkennung).



Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Menschen mit Demenz …

          … wollen sich
sicher und geborgen fühlen. Zeigt sich durch:
  • möchte z.B. täglich um 16 Uhr nach Hause

  • schreien "Hallo"

  • suchen nach der Mutter (suchen Gefühl von Liebe, egal ob positive oder negative Gedankenverknüpfung zur Mutter ' suchen Geborgenheit / Liebe!)

  • sagen, sie werden bestohlen

  • Eifersucht

  • Hunger

  • …



Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Zu: Sicherheit und Geborgenheit fühlen bzw. vermitteln:


Positionierungsrollen




Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Menschen mit Demenz …

          … wollen
produktiv sein + wollen gebraucht werden.

Zeigt sich durch:
  • geht herum, sucht Arbeit

  • sagt: kann ich etwas helfen

  • räumt ständig Zimmer auf

  • putzt oft

⇒ alltägliche oder einfache hauswirtschaftliche Tätigkeiten anbieten!!!



Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Menschen mit Demenz …

          … wollen
spontane Gefühle ausdrücken.

Zeigt sich durch:
  • regen sich auf, wenn sie gemaßregelt werden (das darf man nicht)

  • weinen, weil …

  • ziehen sich zurück, weil …

  • sagen: ich sage nichts mehr





Grundlegende menschliche Bedürfnisse

Menschen mit Demenz …

          … benötigen
Status und Prestige (Ansehen, Anerkennung).

Zeigt sich durch:
  • beschuldigen andere

  • beschimpfen Bewohner, die verwirrt sind

  • sagen: ich bin nichts mehr wert

  • wenn ich bloß sterben könnte

  • man sollte nicht alt werden

  • nie zufrieden, z.B.: mit geputztem Zimmer …

  • ständig kritisieren, delegieren, kommandieren

  • …



Risiko und Vorbeugung

Hauptrisikofaktor    =    hohes Alter

Weitere Risikofaktoren:

Alkohol, Nikotin, Bewegungsmangel, Übergewicht, Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Stress …




Geistige und soziale Aktivität

Fremdsprachen lernen. Briefe schreiben, Kreuzworträtsel lösen, ein Musikinstrument spielen, sich ehrenamtlich engagieren, Vereinsarbeit, Theaterbesuche, Reisen …

Es gibt viele Möglichkeiten das Gehirn zu fordern und so die Bildung neuer Verknüpfungen zwischen Nervenzellen anzuregen, denn das macht das Gehirn im Alter leistungsfähiger.







Wir danken DGKP Christian Koch
für seine interessanten Vorträge.
 


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